
Eine kleine deutsche Landschaft in vier Bildern
Was glänzt in der Bochumer Zeche 1
„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung, im Rücken die Ruinen von Europa“: So beginnt Heiner Müllers Hamletmaschine. In Gerhild Steinbuchs jetzt in Bochum uraufgeführtem Stück Was glänzt, das nur noch bis Freitag, 15. März 2019, in der Zeche 1 gespielt wird, heißt es: „Kassandra steht an der Küste und spricht mit der Brandung, im Rücken die Festung Europa.“
Große Finsternis regiert die Geschichte. Wölfe ziehen durch die Landschaft – nicht die einzigen Angstmacher für entsorgte Bürger, die es sich gemütlich eingerichtet haben in den eigenen vier Wänden. Und nicht auf die blinde Seherin Kassandra hören wollen – wenn sie überhaupt jemals von dieser mythischen Figur gehört haben. Erinnerungskultur? Aus dem Schlachthaus wird ein Palast, der wiederum zum Museum mutiert. In dem nichts mehr an den Ursprung erinnert. „Gut dass du fragst“ betont der Chor immer wieder, will aber von einem schmerzhaften Rückblick nichts wissen. „Ich bin meine eigene Familie. Ich bin mir ein eigener Ort“: Rückzug ins Private ist angesagt, da kann Kassandra noch so warnen: „Wer nicht untergehen will und drin verschwinden der muss mehr sein als bloß eins.“ Immer wieder klinken sich Einzelne aus, können oder wollen nicht mehr Teil sein „des riesigen Lebensorchesters“. Wenn im Kollektiv, dann höchstens beim Sport zur Selbstoptimierung des Körpers.
Allerdings, wenn die Angst übermächtig wird und zur Weltanschauung wächst, bleibt noch die Kameradschaft. Man genießt gemeinsam die schöne Aussicht von alpinen Höhen aufs Reich und blickt ungern zurück: „Ein Mahnmal und kein Denkmal unsrer Schande dass wir uns nicht missverstehn.“ Der Blick ist vielmehr nach vorn gerichtet: „Wann beginnt die Geschichte endlich wieder von vorn.“ Ein filigranes Strandhaus in der auch nicht mehr allzu standhaften Festung Europa soll „uns Zuflucht bieten vor den andren die um Herberg bitten / Die suchen bitte anderswo ja vielen Dank.“ „Something is rotten in this age of Hope“ ist das erste von vier Bildern des Stücks Was glänzt der österreichischen Autorin Gerhild Steinbuch überschrieben: Etwas ist faul im Zeitalter der Hoffnung. Die in der Inszenierung Philipp Beckers rund einhundertminütige kleine deutsche Landschaft, so der Untertitel der am Freitag (1.3.2019) in der Zeche Eins uraufgeführten Koproduktion des Schauspielhauses Bochum mit der Folkwang Universität der Künste, eröffnet mit einem leicht veränderten Shakespeare-Zitat, dessen Drama Hamlet bekanntlich so beginnt: „Something is rotten in the state of Denmark.“

Gerhild Steinbuch, Mödlingerin des Jahrgangs 1983, Autorin, Übersetzerin, Dramaturgin und inzwischen Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien, hat sich nach dem Vorbild Elfriede Jelineks Brocken aus dem Steinbruch der Literatur herausgeschlagen. Ihre ungleich prominentere Landsfrau bediente sich in ihrer Sprachmontage Wolken.Heim bei Klassikern von Hölderlin bis Heidegger, in Was glänzt liefern unter anderem Michel Foucault, Heiner Müller, Christa Wolf und Richard von Weizäcker das Material für eine Textfläche ohne Punkt und Komma von Jelinekschem Furor. Im Sportstück der österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin, das der tschechische Regisseur Dusan David Parizek demnächst im Großen Haus an der Königsallee mit Iphigenie in Aulis von Euripides kompiliert, heißt es: „So viele Menschen mit persönlichen Tatantrieben und plötzlich, als zerschmetterte der Schlag einer unsichtbaren Uhr etwas in ihren Schädeln und stellte sie auf eine imaginäre Zeit ein, ticken sie alle im gleichen Takt, ergreifen ihre Sportgeräte und dreschen aufeinander los...“.
In der sehr authentisch wirkenden Sporthalle der ursprünglich aus Graz stammenden Bühnenbildnerin Bettina Pommer legen zehn Folkwang-Schauspielstudenten in weißen Sportdressen nach ersten Stretching-Übungen gleich richtig los: die Regeln ihrer raschen Seitenwechsel und Basketball-Würfe ohne Korb, dafür mit Tennis-Richterstühlen an beiden Hallenseiten, sind so undurchsichtig wie der Großteil der Steinbuchschen Textcollage beim ersten Hören. Macht aber nichts: wie bei Jelinek-Aufführungen kommt es in dieser, so die Bochumer Dramaturgie, Sprechvorlage für Mehrstimmigkeit vor allem auf die Inszenierung an. Und hier sorgt Philipp Becker, der aus der freien Szene kommt, bundesweit aber auch an Stadt- und Staatstheatern Regie führt, für beste Unterhaltung. Und, im Schlussteil, auch für beklemmende Gefühle auf der Tribüne: „Jetzt sei doch mal ein bisschen miteinander“ wird das Publikum direkt angesprochen. Unter Einbeziehung ihrer Angehörigen: „Wenn du Opfer hast das wär natürlich besser.“ Dann fiele die Last des Täterseins, der Erinnerung und der Fremdheit ab: „Bloß so ein bisschen Opfer-Rolle für die schwarzrotgoldne Ekstase.“ Böse – und doch so wahr!
Beckers furiose, so sprach- wie bildgewaltige Inszenierung ist auch in körperlicher Hinsicht eine Herausforderung für die jeweils fünf Studentinnen (Klara Eham, Nairi Hadodo, Alicja Rosinski, Jojo Rösler, Vera Hannah Schmidtke) und Studenten (Julian Bloedorn, Johannes Hoff, Max Poerting, Angar Sauren, Philipp Steinheuser), die hier im Vergleich zu früheren Abschlussarbeiten weniger Gelegenheit erhalten, sich rollenspezifisch zu profilieren. Was ihren Bewerbungschancen aber keinen Schaden zufügen sollte: Ihr großes Engagement, ihre enorme Bühnenpräsenz gerade auch in der unmittelbaren Konfrontation mit dem Publikum in der intimen Atmosphäre der Zeche 1 ohne Distanz schaffende Rampe dürfte jeden professionellen Zuschauer aus den Reihen der deutschsprachigen Bühnen überzeugen.
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- Freitag, 8. März 2019, um 19:30 Uhr
- Samstag, 9. März 2019, um 19:30 Uhr
- Sonntag, 10. März 2019, um 17 Uhr
- Dienstag, 12. März 2019, um 19:30 Uhr
- Donnerstag, 14. März 2019, um 19:30 Uhr
- Freitag, 15. März 2019, um 19:30 Uhr